Der Laienbruder und sein Ross Lippe

Das Leben, das aus den Büschen kommt

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Dienstag, September 15

Ollen Jans Ausweg

Es war früher Morgen, als ich das Rumpeln eines Karrens draussen vor der Klause hörte und heraustrat. Der Nebel lag noch tief, die Vögel sangen ihre Lieder. Es war Ollen Jan, der mir wie gewohnt einen grossen vollen Krug mit frischer Milch und einen Laib Brot brachte und meinen leeren Krug wieder mitnahm. So hatten wir es vereinbart und ich bezahlte dafür.

Wir begrüssten uns mit einem kräftigen "Moin" und einem Wort über das Wetter. Nachdem die Krüge getauscht, der Laib Brot in der Klause verstaut und ich meine Schuld entrichtet hatte, setzten wir uns auf die Bank vor die Klause. So gehört es sich. Man fährt nicht einfach wieder von dannen, ohne ein Schwätzchen gehalten zu haben.

Und so redeten wir bei einem Krug Dünnbier über dies und das. Aber dann lehnte sich Ollen Jan zurück und ich spürte eine Unruhe, die von ihm ausging und die ich eigentlich nicht von ihm kannte. Ich drehte mich zu ihm und sah ihn erwartend an, blieb aber stumm.

"Bruder", fing er nach einer Weile an, und ich merkte, es wurde ernst. "Ich frage mich schon eine ganze Weile, was Ihr hier macht. Mit was beschäftigt Ihr Euch? Was ist der Grund Eures Hierseins? Ihr seid kein Kirchenmann, soweit ich gehört habe, aber was seid Ihr dann?"

Ich war überrascht und sah ihn an. Er war ungefähr zehn Jahre jünger als ich, kleiner, sehr kräftig mit Händen wie Schaufeln. Aber die Jahre hatten auch an ihm gezehrt, das sah man deutlich. Ein Leben lang schwerste Arbeit hinterlässt eben Spuren.

"Er hat recht, ich bin kein Kirchenmann", entgegnete ich und lehnte mich zurück, den Blick in den abziehenden Nebel richtend. "Ich hing sehr lange einer anderen Lehre an, die ich hier ergründete. Aus diesem Grunde bin ich hier."

"Wollt Ihr mir von dieser Lehre erzählen?", fragte Ollen Jan.

"Auf keinen Fall werde ich das tun, Ollen Jan. Ich habe diese Lehre hinter mir gelassen, mich dort herausgekämpft. Nie und nimmer werde ich Ihn dort hineinziehen! Vergesse Er das! Aber sage Er mir, was der Grund Seiner Frage ist."

Er wirkte verwirrt von meinen Sätzen und schwieg eine Weile. Dann sah er mich an und sprach: "Mein Sohn, Lütten Jan, wird bald den Hof übernehmen und ich soll fortan das Gnadenbrot essen."

"Aha", entgegnete ich und sah ihn neugierig an.

"Ja, er will vieles ändern. Er ist jung und hat allerlei Neues im Kopf. Er will Neues versuchen. So, wie ich es bisher hielt, kümmert ihn nicht. Er will und will. Nicht, dass ich es ihm nicht zutraute, aber es ist schwer für mich, es mit anzusehen."

"Das glaube ich Ihm", nickte ich.

"Und so soll ich halt das Gnadenbrot essen. Lütten Jan zuschauen will ich nicht, mithelfen darf ich nicht, und Ihr kennt mein Weib", sprach er.

"Oh ja! Ich kenne Sein Weib!", lachte ich.

"Seht Ihr, dann versteht Ihr mich, Bruder", sagte er betrübt, "den ganzen Tag nur mit meinem Weib in der Stube, da werde ich ihr Knecht, und das will ich nicht. Und so suche ich nach einem Ausweg."

Jetzt verstand ich ihn.

"Er denkt, ein Laienbruder zu werden. In einer Klause zu leben, den Tag über zu mähen, mit dem Ross durch die Gegend zu reiten und den heiligen Mann zu spielen, während alle Welt denkt, Er peinigt sich im Namen des Herrgotts?", sprach ich und brach in schallendes Lachen aus, in das er einstimmte. Wir sassen auf der Bank und klopften uns auf die Schenkel, so schüttelte es uns durch.

Es dauerte eine Weile, bis wir uns wieder beruhigt hatten.

"Ja, Ihr habt es getroffen, Bruder", sagte er dann und wischte sich die Lachtränen von der Wange.

"Ein fürtrefflicher Gedanke, Ollen Jan! Ein wahrlich fürtrefflicher Gedanke. Aber mache Er es dort, wo Ihn keiner kennt."

Und so verabschiedeten wir uns und man sah Ollen Jan frohlockend von dannen fahren.